Neu bei Elsinor: Anthony Burgess, Der Mann aus Nazareth

Der Roman erscheint am 26. August in deutscher Erstübersetzung von Ludger Tolksdorf

1977 war es ein internationales TV-Großereignis: die vierteilige, sechsstündige Verfilmung der Lebens- und Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth durch den berühmten italienischen Regisseur Franco Zeffirelli. Das Drehbuch hatte der nicht minder berühmte englische Schriftsteller Anthony Burgess verfasst. Das eng an die Bibel angelehnte Drehbuch entstand damals unter der Aufsicht theologischer Fachberater. Viel freier fühlte sich Burgess dagegen während seiner umfangreichen Vorstudien: So verfasste er – gewissermaßen zur Einstimmung – den Roman Der Mann aus Nazareth (in seinem Gesamtwerk eines von drei Büchern mit biblischer Thematik). Der Jesus-Roman war damit kein "Buch zum Film" und keine Ableitung aus dem Drehbuch, sondern ein eigenständiges Werk – und ging den Filmarbeiten zeitlich voraus.

Natürlich war Anthony Burgess weder der Erste noch der Letzte, der die biblischen Stoffe literarisch verarbeitete; in den letzten Jahrzehnten haben u. a. die Romane von Michael Köhlmeier und Éric-Emmanuel Schmitt große Beachtung gefunden.

Anthony Burgess strebt keine Umdeutung der christlichen Tradition oder Bibelauslegung an; er orientiert sich vielmehr am Gang der in den Evangelien berichteten Ereignisse, greift aber auch auf viele andere Quellen zurück – von apokryphen Evangelien über antike Historiker bis zu John Miltons Paradise Regained und Oscar Wildes Salome. Dafür erfindet er eine Erzählerfigur: einen gebildeten Geschichtenerzähler des 1. Jahrhunderts, der die Begebenheiten schildert, aber auch kommentiert, mit Sympathie, mitunter auch ein wenig skeptisch. Dieser Kunstgriff ermöglicht es ihm, gelegentlich von der Überlieferung abzuweichen, plausiblere Erklärungen zu finden, wo die Bibel nichts zu berichten weiß, und hinzuzufügen, was durchaus hätte sein können. Und so präsentiert Burgess durch seinen Erzähler nicht nur einen hochvitalen, auch körperlich imponierenden Jesus, sondern eine Vielfalt individuell gezeichneter Figuren (bis hin zu einer früh verstorbenen Ehefrau; bei Burgess ist Jesus also kinderloser Witwer, als er seine Mission als Wanderprediger aufnimmt).

Selbstverständlich kommt bei Burgess auch der Humor nicht zu kurz – und so gerät ihm beispielsweise die Hochzeit zu Kana, übrigens umgedeutet zu Jesu eigener Hochzeit, zu einer grandiosen Burleske.

Anthony Burgess (1917–1993), weltbekannt durch den von Stanley Kubrick verfilmten Roman Uhrwerk Orange, war ein ebenso vielseitiger wie produktiver und innovativer englischer Autor und Komponist. Ab 1968 lebte er in Malta, Italien, den USA und schließlich Monaco. Burgess schrieb mehr als 30 Romane, eine zweibändige Autobiographie, Drehbücher, Bücher über Sprache und Literatur sowie zahllose Rezensionen und Essays und komponierte mehr als 200 Musikstücke. Neben der Malaya-Trilogie zählen Fürst der Phantome, Napoleonsymphonie und die Enderby-Tetralogie zu seinen bekanntesten Werken.
Als Katholik aufgewachsen und an katholischen Schulen ausgebildet, entfernte sich Burgess unter dem Einfluss von James Joyce von seinen Glaubensüberzeugungen, beschäftigte sich aber in seinen Romanen immer wieder mit religiösen Fragen.

Ludger Tolksdorf, 1974 in Heessen (Westfalen) geboren, lebt als Übersetzer und Lektor in Bonn. Studium der Amerikanistik, Anglistik und Geschichte in Bonn und Leeds (UK). Für Elsinor hat er die Malaya-Trilogie von Anthony Burgess komplett ins Deutsche übersetzt (Jetzt ein Tiger, 2018; Der Feind in der Decke, 2022; Die Betten im Orient, 2022); daneben ist er vor allem für Übersetzungen von Werken Vladimir Nabokovs bekannt, z. B. Das Modell für Laura (2009) und Briefe an Véra (2017).


Anthony Burgess
Der Mann aus Nazareth
Roman, Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf
372 Seiten
Elsinor Verlag, Coesfeld 2025
ISBN 978-3-942788-93-9